Perspektiven für Straßenkinder und junge Obdachlose in Deutschland Jetzt spenden
Perspektiven für Straßenkinder und junge Obdachlose in Deutschland Jetzt spenden

5000 Straßenkinder und junge Obdachlose gerettet! Heimkinder von Obdachlosigkeit massiv bedroht

5000 Straßenkinder und junge Obdachlose in Deutschland gerettet: Die langjährigen Leiter der Streetwork-Teams der Off Road Kids Stiftung (v. l.), Ines Fornaçon (Berlin und sofahopper.de), Jens Elberfeld (Dortmund), Benthe Müller (Hamburg) und Colin Emde (Köln), erwarten einen starken Anstieg an jungen Obdachlosen in den Großstädten.

In Deutschland wird sich die Anzahl an sehr jungen Obdachlosen in den kommenden drei Jahren voraussichtlich von aktuell 40.000 auf über 100.000 mehr als verdoppeln, warnt die Off Road Kids Stiftung. Allerdings werden die meisten unsichtbar bleiben: Viele tauchen als „Sofahopper“ bei Bekannten unter und überleben in „verdeckter Obdachlosigkeit“. Die Dunkelziffer ist groß. Besonders hart treffe es 80.000 Heimkinder, mahnen die bundesweit tätigen Streetworker, die im April den 5000. jungen Menschen von der Straße geholt und dauerhaft untergebracht haben.

Für den bevorstehenden massiven Anstieg gibt es zwei Gründe, sagt Markus Seidel, Journalist und Gründer der Hilfsorganisation: „Volljährige Heimkinder haben nahezu keine Chance, Wohnungen zu finden. Obendrein werden sie wegen leerer Kommunalkassen viel zu früh aus den Kinderheimen herausgenommen und inzwischen immer häufiger schon im Alter von 16 bis 18 Jahren verselbständigt. Das ist ein einziger Irrsinn.“  Da nütze das weltbeste Kinder- und Jugendhilfegesetz nichts, wenn die Heimbetreuung wegen leerer Kommunalkassen viel zu früh abgebrochen werde, so Seidel: „Aktuell machen alle Landkreise und jede kreisfreie Stadt ihre völlig eigene Jugendhilfe-Sparpolitik auf dem Rücken von Heimkindern.“ Doch Heimkinder haben in Deutschland so wenig Lobby wie die verantwortlichen Jugendämter ausreichend Geld für die gesetzlich vorgesehene Betreuung über das 18. Lebensjahr hinaus, so Seidels Erfahrung: „Die Jugendämter sind finanziell definitiv am Abgrund. Das spüren wir auf der Straße.“

Vor wenigen Tagen haben die Streetworker der Off Road Kids Stiftung dem 5000. obdachlosen jungen Menschen in Deutschland erfolgreich eine dauerhaft tragfähige Zukunftsperspektive vermittelt. 5000 junge Menschen, die vom Rand der Gesellschaft wieder in deren Mitte geholt wurden. 5000 junge Menschen, die wieder ein Dach über dem Kopf haben und der Ausweglosigkeit entronnen sind. Allein im letzten Jahr waren es mehr als 500. Notwendig waren dafür 2017 mehr als 10.000 Beratungsgespräche. Durchschnittlich 75 Arbeitsstunden brauchen die Streetworker bis zu einer gelungenen Vermittlung. Der Preis dafür: knapp 3000 Euro. Das ist weniger als die monatlichen Kosten für einen Heimplatz – und vor allem ein Bombengeschäft für die Sozialkassen.

Gezählt wird seit der Gründung der spendenfinanzierten Hilfsorganisation vor 25 Jahren. Monatlich werden Rückfällige wieder abgezogen. „Ob wir den 5.000 jungen Obdachlosen in Berlin, Hamburg, Dortmund oder Köln gerettet haben, können wir gar nicht so genau sagen. So viele waren es letzten Monat auf einen Schlag“, berichtet Jens Elberfeld, Chef des Dortmunder Streetwork-Teams. Ohne einen Cent aus der Staatskasse betreibt die Off Road Kids Stiftung eigene Streetwork-Stationen in deutschen Großstädten. Keine Behörde fühlt sich für Straßenkinder und junge Obdachlose in Deutschland finanziell verantwortlich. Die notwendige Unterstützung erhalten die Helfer von privaten Spendern und namhaften Förderern wie der Vodafone Stiftung, der Deutsche Bahn Stiftung, der Bausparkasse Schwäbisch Hall, Permira und der Kaufhausinitiative „Deutschland rundet auf“.

Die Streetworker rüsten hoch. Schon im Sommer erwarten sie in deutschen Großstädten eine erste starke Schwemme an Straßenkindern und jungen Obdachlosen. Ihre wesentliche Gegenmaßnahme ist die bundesweit erste virtuelle Streetwork-Station „sofahopper.de“. Übers Internet sind die Straßensozialarbeiter seit einem Jahr für betroffene junge Menschen bis in den hintersten Winkel Deutschlands erreichbar. Sie können so Obdachlosigkeit vermeiden, bevor sie entsteht. „Solange die entwurzelten jungen Menschen noch bei Bekannten auf dem Sofa wohnen, gelingt die Hilfe leichter, als wenn sie schon in Berlin oder Köln auf der Straße sitzen“, schildert Ines Fornaçon ihre Erfahrungen. Sie leitet neben der Berliner Streetwork-Station von Off Road Kids auch „sofahopper.de“. Die Zahl in verdeckter Obdachlosigkeit lebender junger Menschen wird vom Deutschen Jugendinstitut DJI auf 40.000 geschätzt. Tendenz steigend.

Auch für die „digitalisierte“ Streetwork-Station „sofahopper.de“ gibt’s bisher kein Geld aus der Staatskasse. Aktuell investiert die Deutsche Bahn Stiftung gezielt in die Online-Hilfe „sofahopper.de“. Inger Paus, Vorsitzende der Geschäftsführung der Vodafone Stiftung Deutschland, bestätigt die Notwendigkeit dieser völlig neuartigen digitalen Streetwork: „Immer mehr junge Menschen sind von Obdachlosigkeit bedroht. Die Digitalisierung eröffnet Straßenkindern neue Chancen – deutschlandweit und lange bevor sie auf der Straße landen."

Dennoch wird der baldige Ansturm auf deutschen Metropolen ohne zusätzliches Geld für die Jugendämter kaum aufzuhalten sein. Die Lage spitzt sich zu. Colin Emde ist verantwortlich für die Kölner Streetwork-Station: „Wir könnten leicht doppelt so viele junge Leute aus der Obdachlosigkeit heraushelfen. Aber es gibt weit und breit keine Wohnungen mehr.“

Besonders gefährlich sei diese Situation für obdachlose Frauen, sagt Benthe Müller, Leiterin der Hamburger Streetwork-Station von Off Road Kids: „Mädchen und jungen Frauen drohen auf der Straße nicht nur lebensbedrohliche Infektionen und der gesundheitliche Verfall, sondern vor allem ungeplante Schwangerschaften zur völligen Unzeit.“ Um gegenzusteuern, bauen die Streetworker gemeinsam mit der BAHN-BKK das mittlerweile preisgekrönte Präventionsprogramm „STREETWORK+“ massiv aus. Schwangerschaftsverhütung und Infektionsschutz haben höchste Priorität. Mehr als 1.600 Gesundheitsberatungsgespräche kamen so allein im letzten Jahr zusammen.

„Den Schlüssel zur massiven Entschärfung der bevorstehenden Obdachlosenwelle in Deutschland haben Bund, Länder und Kommunen gemeinsam in der Hand“, stellt Markus Seidel klar: „Die Jugendämter müssen wie die Jobcenter bundesweit auf sicheren finanziellen Boden gestellt werden. Sonst werden wegen leerer Kommunalkassen jedes Jahr 5.000 bis 10.000 Heimkinder viel zu früh verselbständigt und scheitern.“