Perspektiven für Straßenkinder und junge Obdachlose in Deutschland Jetzt spenden
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DJI-Studie: Kommunale Sparzwänge Gefahr für Heimkinder

Der Sparzwang der Kommunen wird zusehends gefährlich für vernachlässigte und misshandelte Kinder und Jugendliche aus zerrütteten Familienverhältnissen – insbesondere dann, wenn sie bereits außerhalb der Familie in Wohngruppen und Heimen untergebracht sind. Ab dem 18. Geburtstag droht ihnen das Ende der Betreuung, obwohl das deutsche Kinder- und Jugendhilfegesetz ausdrücklich vorschreibt, dass die Betreuung über die Volljährigkeit hinaus fortgesetzt werden „soll“. Aber eben nicht „muss“. Daher drehen Landkreise und kreisfreie Städte ihren Jugendämtern zum 18. Geburtstag ihrer Zöglinge regelmäßig den Geldhahn zu. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern oft aus purer Finanznot. Völlig legal ist das nicht, denn eine juristische Soll-Bestimmung bedeutet „in der Regel ja und nur im begründeten Ausnahmefall nein“.

Genau dieser viel zu frühe Betreuungsabbruch entkopple aber besonders Heimkinder von ihrem ohnehin schon erschwerten Weg in Beruf und Gesellschaft, sagt das Deutsche Jugendinstitut (DJI). Das DJI hat im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland diesen verheerenden Entkopplungsprozess in der Studie „Disconnected Youth – Entkoppelt vom System“ unter die Lupe genommen und kommt zum Schluss, dass Jugendämter dringend mit deutlich mehr Geld ausgestattet werden müssen, um Betreuungsprozesse weit über das 18. Lebensjahr hinaus finanzieren zu können. Andernfalls sei der im Kinder- und Jugendhilfegesetz gewünschte und vorgegebene Auftrag nicht zu erfüllen.

Das DJI geht inzwischen von mehr als 20.000 betroffenen jungen Menschen in Deutschland aus, die nach Wahrnehmung der Fachkräfte unter zunehmenden seelischen und psychosozialen Störungen leiden. Deutliche Worte hierzu findet der Geschäftsführer der Vodafone Stiftung Deutschland, Dr. Mark Speich: „Niemandem kann gleichgültig sein, dass so viele Jugendliche in einer so schwierigen Lage sind, und wir hoffen die Studie hilft der Bundesregierung bei der Verbesserung der Jugendhilfe, die sie sich ja für diese Legislaturperiode vorgenommen hat.“

In seiner Studie folgt das DJI der Argumentation der bundesweit tätigen Straßenkinder-Hilfsorganisation Off Road Kids. Die Stiftung fordere für finanzschwache Landkreise und kreisfreie Städte eine sichere Finanzierung von Jugendhilfeleistungen insbesondere über die Volljährigkeit hinaus, sagt Off Road Kids-Vorstandssprecher Markus Seidel: „Wir haben ein ausgezeichnetes Kinder- und Jugendhilfegesetz, aber eine miserable Finanzierung dafür auf kommunaler Ebene. Deshalb muss dringend bei der anstehenden Neuordnung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen sichergestellt werden, dass die Städte und Gemeinden hierfür das nötige Geld bekommen. Sonst werden weiterhin jedes Jahr tausende junger Volljährige auf der Strecke bleiben.“

Anlässlich der Vorstellung der DJI-Studie betonte auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund, dass es zentrales Anliegen aller Maßnahmen sein müsse, junge Menschen zum selbständigen Leben mit eigenem Einkommen zu befähigen. Dabei seien insbesondere die Übergänge Jugendlicher von der Schule in den Beruf besser zu gestalten. Zudem sollten die Finanzmittel der zuständigen Institutionen zur koordinierten Betreuung von jungen Menschen an den Schnittstellen der Grundsicherung für Arbeitssuchende, der Arbeitsförderung, der Kinder- und Jugendhilfe, der Sozialhilfe und der Schulen in einem gemeinsamen Finanzpool zusammengeführt werden.

Um ein zu frühes Betreuungsende in der Jugendhilfe zu verhindern, regt das DJI an, im Kinder- und Jugendhilfegesetz festzuschreiben, dass die Jugendämter Volljährigen die weitere Betreuung gewähren „müssen“ und nicht nur „sollen. Auch jungen Menschen, die erst nach dem 18. Geburtstag Hilfe vom Jugendamt benötigen, müsse geholfen werden, um eine Entkopplung von der Gesellschaft zu verhindern.

Erst vor wenigen Jahren hat der Gesetzgeber den Jugendämtern mit einer straffen Regelung zum Schutz des Kindeswohls eine unmissverständliche Weisung gegeben, wann sie für gefährdete Kinder und Jugendliche tätig werden müssen. Folgt man der Studie des DJI, scheint dies allerdings nur für Minderjährige im Kindesalter zu gelten. Werden diese jungen Menschen dann älter, droht ihnen von Amts wegen der erneute Betreuungsabbruch – oft pädagogisch umschrieben als „erfolgreiche Verselbstständigung in eigenem Wohnraum“.

Aus Sicht der Off Road Kids Stiftung sei dies ein ausgewachsener Skandal, so Markus Seidel: „Keine Familie würde ein Kind nur wegen des 18. Geburtstags in eine eigene Wohnung stecken. Genau das aber machen Jugendämter in Deutschland aus Finanznot mit jungen Volljährigen. Was dabei herauskommt, sind in der Regel nacheinander Party, Schulabbruch, Vermüllung, Vereinsamung, sozialer Absturz bis hin zu Depressionen, Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit und Kriminalität. Obendrein entstehen enorme Folgekosten für die Gesellschaft.“

Das Deutsche Jugendinstitut geht in seiner Studie von bis zu dreimal höheren Sozialkosten aus, die ein Betreuungsabbruch auslöse – und das, ohne eine gesellschaftliche Teilhabe der jungen Menschen zu erreichen. Genau das aber sei die grundsätzliche Zielsetzung des deutschen Kinder- und Jugendhilfegesetzes, so das DJI.

DJI-Studie „Entkoppelt vom System“