Perspektiven für Straßenkinder und junge Obdachlose in Deutschland Jetzt spenden
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Weg mit der Kostenbeteiligung von Heimkindern an der eigenen Unterbringung!

Die Fachwelt diskutiert auf Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend darüber, ob Heimkinder weiterhin 75 Prozent des Nettolohns (!) bei Ferienjobs und Ausbildung in die Staatskasse zahlen sollen. Wir meinen: sofort weg damit - und zwar per Nichtanwendungserlass der Finanzminister. Die Diskussion darüber ist zu begrüßen und dringend nötig.

Wir veröffentlichen hier (s.u.) den vollständigen Kommentar der Off Road Kids Stiftung zur aktuellen Diskussion auf dem Diskussionsportal des Bundesministeriums:

Kurzum: sofort weg damit. Und zwar per Nichtanwendungserlass der Finanzminister.

Wenn eine berufliche und gesellschaftliche Integration von „Heimkindern“ erwünscht ist, müssen diese jungen Menschen auch erleben dürfen, dass sich Leistung lohnt. Wer aber – übrigens je nach Laune eines Jugendamts – satte 75 Prozent des Nettolohns (!) seines Ferienjobs oder seiner Ausbildung an die Staatskasse abliefern muss, wird lieber den Job hinwerfen und nichts tun, statt auf Führerschein, Urlaub und Mobiliar hinzuarbeiten. Es lohnt sich einfach nicht. Das liegt ja auf der Hand.

Anders als Gleichaltrige erleben Heimkinder das Leistungsprinzip unserer Gesellschaft als feindlich – und nicht als attraktiv. Diese jungen Menschen lernen: Leistung lohnt sich nicht. Jungen Menschen, die gewiss nicht freiwillig in vollstationären Einrichtungen aufwachsen, auch noch in die Nettolohntüte zu greifen, ist eine eklatante Benachteiligung gegenüber Altersgenossen, die bei ihren Eltern aufwachsen. Denn für diese Kinder gibt es schließlich auch kein Gesetz, das sie zwingt, ihren Nettolohn teilweise bei den Eltern abzuliefern. Ganz im Gegenteil. Es ist doch so, dass diesen Kindern eher etwas zugesteckt als weggenommen wird – ganz zu schweigen von innerfamiliären „Subventionen“ während der Ausbildungsphase und danach. Heimkinder dürfen hingegen nur wenige tausend Euro ansparen – was mit 25 Prozent des Nettolohns ohnehin kaum zu schaffen ist.

Kein Wunder, dass diese jungen Menschen sehr schnell lernen, alles Geld sofort auf den Kopf zu hauen, bevor es ihnen jemand wegnimmt. Genau davor haben sie Angst. Oft berechtigt. Dieses „klassische“ Verhaltensmuster von Hilfeempfängern ist ein Riesenproblem in Kinderheimen und wird durch die 75-Prozent-vom-Nettolohn-Regel massiv verstärkt.

Weg also mit dieser Regelung. Sie ist ungerecht, benachteiligt Heimkinder massiv, bringt einen teuren Verwaltungsaufwand mit sich und verhindert, dass Heimkinder die Arbeitswelt als attraktiv kennen lernen. ALG II lässt grüßen. Zynisch? Nein. Real. Kein Steuerzahler, kein Bürger, kein Jugendamtsmitarbeiter und übrigens auch kein Politiker, dem wir diesen Missstand erklärt haben, möchte diese Regel erhalten.

Und um dem Thema noch eine richtig widerliche Note zu geben: Wenn die Eltern von Heimkindern dereinst zu Pflegefällen werden, müssen sich Heimkinder auch noch an den Pflegekosten von Eltern beteiligen, bei denen sie nicht aufwachsen durften. Um es anschaulich zu machen: Wenn die Freiburger Mutter, die ihren kleinen Sohn zur Prostitution gezwungen hat, eines Tages wieder aus dem Knast kommt und zum Pflegefall wird, wird sich ihr dann hoffentlich berufstätiger Sohn an den Kosten beteiligen müssen. Unfassbar. So kommt der Junge nie mehr auf die Beine.

Weg also mit der unseligen 75 Prozent-Regel, weg mit dem Guthabenlimit, weg mit der Pflicht, später die Pflege untauglicher Eltern bezahlen zu müssen. Heimkinder können nichts für die Höhe der Kosten ihrer Heimunterbringung. Schlimm genug, dass darüber überhaupt diskutiert werden muss.

Die sofortige Lösung ist ein „Nichtanwendungserlass der Finanzminister“. Das Gesetz kann dann gerne hinterher angepasst werden. Denn es eilt: Viele Heimkinder würden im kommenden Sommer gerne einen Ferienjob annehmen. Die Bewerbungsfristen laufen. Daher: Nicht reden. Machen!

Markus Seidel, Off Road Kids Stiftung
Hinweis: Dieser Beitrag wurde gemeinsam mit den älteren Jugendlichen und jungen Volljährigen in unserer vollstationären Einrichtung entwickelt und abgestimmt.