Perspektiven für Straßenkinder und junge Obdachlose in Deutschland Jetzt spenden
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Straßenkinder & junge Obdachlose in Deutschland

Minderjährige

Definition: Mit »Straßenkindern in Deutschland« sind all diejenigen gemeint, die minderjährig sind und sich ohne offizielle Erlaubnis (Vormund) für einen nicht absehbaren Zeitraum abseits ihres gemeldeten Wohnsitzes aufhalten und faktisch obdachlos sind. Jugendliche, die sich mittags und abends "an der Straßenecke" treffen und nachts zuhause schlafen, zählen nicht dazu, da die Hilfeansätze völlig unterschiedlich sind.

Bis zu 2500 Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren geraten in Deutschland jährlich zumindest zeitweise auf die Straße. Sie sind von Zuhause rausgeflogen, abgehauen oder aus Pflegefamilien oder Jugendhilfeeinrichtungen abgängig. Während die meisten Ausreißer nach sehr kurzer Zeit wieder zurückkehren oder gefunden werden, trifft das Schicksal etwa dreihundert Minderjährige pro Jahr hart: Sie werden zu Straßenkindern, die häufig vor Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch geflohen sind und ihr Überleben auf der Straße mit Bettelei, Prostitution oder Kleindiebstahl sichern müssen. Unsere vorsichtigen Schätzungen beruhen auf der Vermisstenstatistik des Bundeskriminalamts und auf unserer mehr als 20-jährigen Arbeitserfahrung. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat im März 2017 eine Studie über Straßenjugendliche in Deutschland veröffentlicht und geht von 37.000 Betroffenen pro Jahr aus.

Die meisten minderjährigen Straßenkinder und Ausreißer sind 13 Jahre und älter. Es sind ebenso viele Mädchen wie Jungen, allerdings entscheiden sich Mädchen aufgrund der früher einsetzenden Pubertät üblicherweise früher als Jungs dazu, abzuhauen und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Es handelt sich in erster Linie um deutsche Staatsbürger. Viele kommen aus ländlichen Gebieten und suchen die Anonymität der Großstädte als Schutz vor Entdeckung. Straßenkinder sind durchaus mobil und wechseln mitunter die Städte, in denen sie sich aufhalten. Bevorzugte Großstädte sind Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln und die Zentren des Ruhrgebiets von Duisburg über Essen und Bochum bis Dortmund. Weitere Häufungen gibt es (mitunter temporär) in Dresden, Hannover, Leipzig, Mannheim und Stuttgart.

Durch die Popularität von Internet-Communities nimmt zudem die Anzahl an sogenannten „Sofa-Hoppern“ stark zu. Hierbei handelt es sich um Ausreißer, die abwechselnd bei verschiedenen Bekannten aus dem Internet oder bei Freunden Unterschlupf finden und nicht im Straßenmilieu auftauchen.

Ausreißer und Straßenkinder sind häufig unauffällig, stammen aus allen Gesellschaftsschichten und finden sich keineswegs nur unter bunthaarigen Punks. Übliche Auslöser für die Flucht sind schwere familiäre Zerwürfnisse, Missachtung, Misshandlung oder auch Missbrauch. Materielle Not spielt nur eine zweitrangige Rolle. Die meisten Straßenkinder hatten desolate Elternhäuser und bereits Kontakt zum Jugendamt. »Schule« ist zwar kein Auslöser für den Gang auf die Straße, allerdings kommt es vor der Flucht auf die Straße aufgrund der privaten Situation häufig zu einem schulischen Absturz.

Im Zentrum des Straßenlebens steht die Sicherung des eigenen Überlebens. Die ursprüngliche Zielsetzung, sich eine neue Lebensperspektive zu organisieren, tritt schnell in den Hintergrund. Zumindest anfangs sind die meisten Straßenkids Einzelgänger. Viele berichten davon, zeitweilig von Freunden und Kumpeln mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt worden zu sein. In Großstädten gelingt diese Überlebensform vor allem den Jugendlichen, die aus der Stadt stammen, in der sie sich aufhalten, und die einen entsprechenden Bekanntenkreis haben (siehe Sofa-Hopper). Alle anderen schlagen sich primär mit Bettelei durch. Prostitution und Diebstähle sind weitere Einkommensquellen.

Straßenkinder wünschen sich »Normalität«. (Mit »Normalität« sind übliche Lebensverhältnisse gemeint.) Straßenkinder suchen nach Geborgenheit. Sie hoffen auf einen Schulabschluss, eine Berufsausbildung, eine eigene Wohnung und Arbeit.

Junge Volljährige

Die Anzahl junger Volljähriger im Obdachlosenmilieu deutscher Großstädte steigt unaufhörlich an. Insbesondere die Zahl der 18- bis 21-Jährigen übertrifft die Menge der Minderjährigen um ein Vielfaches. Die meisten sind männlich. Das Deutsche Jugendinstitut spricht von entkoppelten jungen Menschen, die keinen Anschluss (mehr) an gängige Hilfesysteme (Jugendhilfe, Jobcenter,…) haben. Verlässliche, empirisch erhobene Zahlen sind nicht verfügbar.

Die Hintergründe für das Straßenleben dieser jungen Menschen ähneln denen von minderjährigen Straßenkindern. Hinzu kommen zahlreiche junge Menschen, die zu früh aus Kinderheimen, betreuten Jugendwohngruppen oder Pflegefamilien „in eigenem Wohnraum verselbständigt“ werden und mit der neugewonnen Verantwortung für sich selbst überfordert sind, vereinsamen oder auch finanziell nicht zurechtkommen. Auch die Anzahl an jungen Volljährigen, die als Minderjährige in kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung waren und keine verlässliche Anschlussbehandlung erhielten, nimmt insbesondere bei jungen Frauen zu.

Analog zu den Minderjährigen gibt es eine steigende Zahl an sogenannten Sofa-Hoppern, die zunächst nicht oder nur sporadisch im Straßenmilieu in Erscheinung treten. Viele von ihnen halten sich selbst nicht für obdachlos, da sie bei Freunden und Bekannten unterkommen. In diesen Fällen kann man von verdeckter Obdachlosigkeit sprechen

Anders als bei den Minderjährigen sind die jungen Volljährigen häufig überschuldet. Zudem fehlen sehr oft Schulabschlüsse. Der Zugang zum Ausbildungsmarkt ist hierdurch weitgehend blockiert. Dennoch gleichen die Zukunftshoffnungen denen der Minderjährigen: Normalität, Geborgenheit, Schulabschluss, Berufsausbildung, Wohnung und Arbeit.