Situation

Straßenkinder, junge Obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte junge Menschen in Deutschland

In Deutschland gibt es aktuell mindestens 40.000 verzweifelte Minderjährige und junge Volljährige (bis 28 Jahre) pro Jahr, die akut von Obdachlosigkeit bedroht sind oder bereits auf der Straße sitzen. 

Hierbei handelt es sich in erster Linie um junge Menschen, die aus zerrütteten Familienverhältnissen stammen, die mitunter Gewalt ausgesetzt waren oder für die der Schritt in die selbständige Lebensführung erheblich zu früh kam. Zudem fehlen sehr oft Schulabschlüsse. Der Zugang zum Ausbildungsmarkt ist hierdurch weitgehend blockiert. Dennoch gleichen die Zukunftshoffnungen denen anderer junger Menschen: Normalität, Geborgenheit, Schulabschluss, Berufsausbildung, Wohnung und Arbeit.

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat schon 2015 auf Initiative der Vodafone Stiftung Deutschland und der Off Road Kids Stiftung die Studie „Disconnected Youth – Entkoppelt vom System“ über Straßenjugendliche und von allen Hilfesystemen (Behörden, Schule, Familie,…) entkoppelte junge Menschen in Deutschland veröffentlicht. Das DJI ging 2018 von 37.000 Betroffenen pro Jahr aus.

Bundesweit steigt die Anzahl der von Obdachlosigkeit bedrohten jungen Menschen unaufhörlich an. Insbesondere die Zahl der 18- bis 21-Jährigen übertrifft die Menge der Minderjährigen um ein Vielfaches. Die wesentlichen Gründe hierfür sind:

  • Der zunehmende Mangel an bezahlbaren Kleinstmietwohnungen insbesondere in deutschen Ballungsgebieten verschärft die Situation bei betroffenen jungen Volljährigen massiv.
  • Die aus Kostengründen immer frühzeitiger stattfindende „Verselbständigung“ junger Menschen aus Kinderheimen, betreuten Jugendwohngruppen oder Pflegefamilien in eigene Wohnungen läuft erkennbar aus dem Ruder. Viele ehemalige Heimkinder vereinsamen und scheitern an den Anforderungen der Selbstorganisation. Letztlich steht alles auf dem Spiel: Schulabschlüsse, Ausbildung, Finanzen, Wohnung, soziale Kontakte und die gesellschaftliche Teilhabe.
  • Immer mehr psychisch vorbelastete junge Volljährige sind mit der Klärung ihrer mitunter gravierenden Problemlagen und der komplexen Behördenkommunikation überfordert. Die Anzahl an jungen Volljährigen, die als Minderjährige in kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung waren und keine verlässliche Anschlussbehandlung erhielten, nimmt insbesondere bei jungen Frauen auf der Straße zu.
  • In der Corona-Krise ist die Anzahl der von Obdachlosigkeit unmittelbar bedrohten  jungen Volljährigen insbesondere in den Phasen der harten Lockdowns deutlich angestiegen. In Familien, in denen es bereits zuvor „gebrodelt“ hat, kam es durch die plötzliche, extreme räumliche Enge erheblich häufiger als zuvor zu massiven innerfamiliären Zerwürfnissen und zum „Rausschmiss“.

Wichtig zu wissen

Die Situation dieser jungen Menschen hat sich mit der Weiterentwicklung von Smartphones, mobilem Internet und Social Media seit ca. 2016 gravierend verändert.

Anders als früher, finden heute deutlich mehr Jugendliche und junge Volljährige, denen akut Obdachlosigkeit droht, vergleichbar leicht temporären Unterschlupf über ihre Social Media-Bekanntenkreise und kommen so immer wieder vorübergehend bei mehr oder weniger guten Bekannten gewissermaßen „auf dem Sofa“ unter. Diese neue Entwicklung „erleichtert“ aber auch zugleich sehr viel mehr verzweifelten jungen Menschen die schwerwiegende Entscheidung, aus einer bisherigen, unerträglichen Lebenssituation auszusteigen. Als „Sofahopper“ sind sich viele ihrer „verdeckten“ Obdachlosigkeit nicht bewusst – zumindest, bis sich keine Bekannten mehr finden, die ihr „Sofa“ zur Verfügung stellen. 
Zur tatsächlichen, sichtbaren Obdachlosigkeit kommt es bei jungen Menschen heute also in der Regel mit einer erheblichen zeitlichen Verzögerung. Hierbei darf die Hilfsbereitschaft und Motivationsenergie etlicher „Gastgeber“ nicht unterschätzt werden, da diese nicht selten engagiert bei der Lösungssuche mitwirken und so eine dauerhafte Obdachlosigkeit abwenden.

Diese grundlegende Veränderung hat ca. ab 2015 begonnen. Vor der Social Media-Epoche haben betroffene junge Menschen sehr schnell den Weg in die Anonymität der Großstädte zum Schutz vor Entdeckung gesucht. Zu den bevorzugten Großstädten zählen auch heute Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln und die Zentren des Ruhrgebiets von Duisburg über Essen und Bochum bis Dortmund, aber auch (mitunter temporär) Dresden, Hannover, Leipzig, Mannheim und Stuttgart. Die Städte sind die gleichen geblieben – junge Menschen aus ländlichen Gebieten kommen aber erst sehr viel später dort an – dann aber mit erheblich weiterentwickelten Problemlagen. Die als „Sofahopper“ überbrückte Zeit verzögert oder verhindert die Flucht in die Ballungszentren.

Die Sichtbarkeit minderjähriger Straßenkinder und junger Obdachloser im öffentlichen Raum, beispielsweise als Punks an Bahnhöfen und in Fußgängerzonen (Bahnhof Zoo, Alexanderplatz, Kölner Domplatte, Hamburger Hauptbahnhof, Frankfurter Zeil) hat durch Social Media und „Sofahopping“ stark abgenommen – nicht aber die Zahl der von Obdachlosigkeit bedrohten jungen Menschen. Es bilden sich heute seltener konsistente Gruppen auf der Straße.

Inwieweit sich die Überlebensstrategien dieser jungen Menschen neben dem „Sofahopping“ tatsächlich verändern, muss beobachtet werden. Sicher ist, dass der tägliche Überlebenskampf um Essen, Trinken und Schlafplatz temporär gemildert wird, sofern sich ein „Sofa“ findet. Falls nicht, gelten die traditionellen Strategien: Bettelei, Prostitution oder Kleindiebstahl. Im Zentrum des Straßenlebens steht die Sicherung des eigenen Überlebens. Die ursprüngliche Zielsetzung, sich eine neue Lebensperspektive zu organisieren, tritt sowohl bei Sofahoppern als auch bei tatsächlich obdachlosen jungen Menschen schnell in den Hintergrund.

Hintergrund

Entkoppelte junge Menschen stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Übliche Auslöser für die Flucht sind schwere familiäre Zerwürfnisse, Missachtung, Misshandlung oder Missbrauch, aber im Einzelfall auch gescheiterte Jugendhilfemaßnahmen. Materielle Not in der Familie spielt bei minderjährigen Straßenkindern nur eine zweitrangige Rolle. Zahlreiche obdachlose junge Menschen stammen jedoch aus sehr problembelasteten Elternhäusern und hatten bereits Kontakt zum Jugendamt. »Schule« ist zwar kein Auslöser für den Gang auf die Straße, allerdings kommt es vor der Flucht auf die Straße aufgrund der privaten Situation häufig zu einem schulischen Absturz.

Insgesamt machen die 18- bis 27-Jährigen mehr als 90 Prozent der Gesamtzahl aller durch Obdachlosigkeit bedrohten jungen Menschen in Deutschland aus. Insbesondere die Zahl der 18- bis 21-Jährigen übertrifft die Menge der Minderjährigen um ein Vielfaches. Dennoch gibt es immer wieder auch Kinder und Jugendliche in den Straßenmilieus deutscher Großstädte.

Minderjährige Straßenkinder und Ausreißer unter 14 Jahren kommen jedoch sehr selten vor. Ab 16 Jahren nimmt die Anzahl allerdings rasant zu. Es sind ebenso viele Mädchen wie Jungen, allerdings entscheiden sich Mädchen aufgrund der früher einsetzenden Pubertät üblicherweise früher als Jungs dazu, abzuhauen und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ab der Volljährigkeit überwiegt die Anzahl männlicher junger Menschen.

Anders als bei den Minderjährigen sind die jungen Volljährigen häufig überschuldet. Zudem fehlen nicht selten Schulabschlüsse. Der Zugang zum Ausbildungsmarkt ist hierdurch weitgehend blockiert. Dennoch gleichen die Zukunftshoffnungen denen der Minderjährigen: Normalität, Geborgenheit, Schulabschluss, Berufsausbildung, Wohnung und Arbeit.

Begriffsdefinitionen

Ohne Wohnung oder ohne Obdach?

Als wohnungslos werden Menschen bezeichnet, die über keinen mietvertraglich abgesicherten oder eigenen Wohnraum verfügen, obdachlos sind, vorübergehend bei Bekannten untergekommen sind, in Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege oder in kommunalen Einrichtungen leben. (…) Als obdachlos werden Menschen bezeichnet, die im öffentlichen Raum wie beispielsweise in Parks, Gärten, U-Bahnhöfen, Kellern oder Baustellen übernachten oder über die jeweiligen Ländergesetze der Sicherheit und Ordnung vorübergehend untergebracht sind. (…) Wohnungslosigkeit ist der übergreifende Begriff, Obdachlosigkeit bezeichnet lediglich einen Teil der Wohnungslosigkeit. Die Begriffe Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit können also nicht synonym verwendet werden.“ (Quelle: Diakonie 2020)

Sofahopper

Die Off Road Kids Stiftung ergänzt die Unterscheidung zwischen Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit mit der neuen Grauzone der „verdeckten Obdachlosigkeit“ in der beispielsweise viele „Sofahopper“ leben. Das sind junge Menschen, die ihren bisherigen Wohnplatz verloren haben und temporär bei Bekannten auf deren „Sofa“ untergekommen sind. Tatsächlich sind diese jungen Menschen nicht nur wohnungslos, sondern verdeckt obdachlos, denn sie haben keinerlei Rechtsanspruch auf das „Sofa“.

Minderjährige Straßenkinder?

Definition: Mit »Straßenkindern in Deutschland« sind all diejenigen gemeint, die minderjährig sind und sich ohne offizielle Erlaubnis (Vormund) für einen nicht absehbaren Zeitraum abseits ihres gemeldeten Wohnsitzes aufhalten und faktisch obdachlos sind. Jugendliche, die sich mittags und abends "an der Straßenecke" treffen und nachts zuhause schlafen, zählen nicht dazu, da die Hilfeansätze völlig unterschiedlich sind.

Disconnected Youth

Mit den Fachbegriffen „Entkoppelte junge Menschen“ bzw. „Disconnected Youth“ werden Jugendliche und junge Volljährige beschrieben, die durch Obdachlosigkeit bedroht sind, die weder Kontakt zu ihren Familienangehörigen bzw. Betreuungseinrichtungen noch zu Behörden wie dem Jugendamt oder dem Jobcenter haben und die keiner Schul- oder Berufsausbildung oder einer anderen regulären beruflichen Tätigkeit nachgehen. Junge Menschen also, die von der gesellschaftlichen Teilhabe völlig abgekoppelt sind.

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