Gamescom 2026: Computerspiel schlägt neue Brücke zur Hilfe gegen Straßenkinder-Elend
Das war ein voller Erfolg für die Off Road Kids Stiftung: Vom 26. bis 30. August präsentierte die bundesweit tätige Jugendhilfe-Organisation in Köln einen Game-Prototyp, der Ende des Jahres offiziell gelauncht wird. Der Auftritt stieß auf eine überwältigende Resonanz – und bestätigt die Strategie, über das Thema Gaming über die Risiken des Lebens auf der Straße aufzuklären und auf Hilfeangebote aufmerksam zu machen.
„Seit jeder Jugendliche ein Smartphone in der Tasche hat, überleben obdachlose Minderjährige und junge Volljährige völlig anders als früher“, erklärt Markus Seidel Sprecher des Vorstands der Off Road Kids Stiftung. Er hatte „Off Road Kids“ vor 33 Jahren gemeinsam mit Freunden gegründet: „Früher gab es vielleicht ein oder zwei Freunde, bei denen übernachtet werden konnte. Danach ging es sehr schnell in die Obdachlosenszenen der Großstädte“, so seine Erfahrung.
Social Media sorgt für mehr Übergangslösungen
„Heute haben die jungen Menschen jede Menge Bekannte über Social Media und finden so in ihrem Heimatgebiet lange Zeit ‚Sofas‘, auf denen sie schlafen können. Diese verdeckte Obdachlosigkeit ist heute ein Riesenthema“, sieht er. Was sich nicht geändert habe: Es seien nahezu immer familiäre Zerwürfnisse, die junge Menschen aus ihrem Zuhause heraustreiben. Neu sei jedoch die Möglichkeit, mithilfe des Internets frühzeitiger als je zuvor den Kontakt zu Betroffenen aufzubauen.
Streetwork im Internet floriert
Schon vor knapp zehn Jahren hat die Off Road Kids Stiftung daher damit begonnen, ihre Streetwork zusätzlich zu Großstädten auch ins Internet zu tragen. Die vom Bundesfamilienministerium geförderte Online-Streetwork-Station „sofahopper.de“, Werbeinserate bei Internetsuchmaschinen und ein eigenes Social-Media-Team zählen zur Online-Task Force.
Der Erfolg dieser Initiativen ist riesig: Wöchentlich wenden sich zwischen 120 und 140 verdeckt obdachlose junge Menschen aus allen Ecken Deutschlands an die erfahrenen Sozialarbeiter der Off Road Kids Stiftung – über 6.000 im Jahr und zehnmal mehr als vor zehn Jahren. Tendenz steigend: Schließlich beziffert der Wohnungslosenbericht der Bundesregierung die Anzahl alleinstehender junger Obdachloser zwischen 14 und 17 Jahren auf rund 44.000.
Social Media als wichtiger Faktor in Gefahr
Spannend ist, dass die Hälfte der Hilfe suchenden jungen Menschen über Social Media-Angebote wie Instagram oder TikTok aufmerksam werden – und zwar meist über Bekannte, die dort von der Off Road Kids Stiftung gehört haben. „Das ist genau die Multiplikatorenwirkung, die wir mit unseren Social-Media-Aktivitäten erreichen wollen“, erläutert Markus Seidel.
„Doch genau dieser erfolgreiche Zugang zu verdeckt obdachlosen jungen Menschen wird teilweise geschlossen, wenn gesetzliche Altersgrenzen für TikTok und Instagram gezogen werden“, prognostiziert Andreas Schwara, ebenfalls einer der Gründer und Vorstand der Hilfsorganisation: „Wir wollen diese unaufhaltbare Entwicklung nicht verschlafen und müssen schon heute intensiv vorbereiten, wie wir möglichst noch mehr Menschen über unsere Hilfe für junge Obdachlose informieren.“
Die Off Road Kids Stiftung setze daher künftig Gaming – das kurzweilige Spielen am Smartphone oder Computer – als zusätzlichen Kommunikationskanal zu jungen Menschen in Deutschland ein. „Mit dem von uns entwickelten Online-Spiel erleben junge Gamer, dass Obdachlosigkeit lebensgefährlich ist. Gleichzeitig erfahren Sie, dass die Off Road Kids Stiftung bundesweit hilft“, erklärt Andreas Schwara die beiden Bildungsziele des ‚Off Road Kids Games‘. Die Gamer schlüpfen dabei in selbstgestaltete Figuren und müssen sich dann in der virtuellen Obdachlosigkeit mit gefundenen Lebensmitteln und Pfandgeld am Leben erhalten. Alles im kindgerechten Look, jugendfrei und mit jeder Menge skurriler Überraschungen.
Gamer belagern die Test-Computer
Der erste Prototyp des „Off Road Kids Games“ ist derart skurril und packend, dass am zwölf Quadratmeter messenden Gamescom-Stand der Off Road Kids Stiftung alle vier Computerplätze zum Testen permanent belegt waren und sich davor Menschentrauben bildeten. Über 300 Besucher testeten das Spiel auf Herz und Nieren und zeigten sich durchweg begeistert. „Mit einem derart großen Interesse hatten wir ebenso wenig gerechnet wie mit dem Überlebensehrgeiz unseres jungen Publikums“, resümiert Ralph Gravenstein, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Off Road Kids Stiftung: „Für uns ist jetzt klar: Unser Online-Spiel wird mit Energie weiterentwickelt und soll möglichst noch vor Weihnachten fertig werden.“ Die Stiftung werde das Spiel kostenlos als Browser-Game für Smartphones und Computer veröffentlichen. Es könne dann überall ohne App-Installation und anonym gespielt werden.
Einstieg in die Streaming-Welt
„Doch das ist nur der Auftakt“, so Markus Seidel: „Das ‚Off Road Kids Game‘ ist der Einstieg der Off Road Kids Stiftung in die Gaming-Szene. Dessen Fortschreibung könnte etwa eine Multiplayer-Version mit erweiterten Möglichkeiten zur Interaktion unter den Spielenden umfassen. Wir planen ab nächstem Jahr einen eigenen Unterhaltungs- und Gaming-Kanal bei Youtube und Twitch-TV. Und wir werden 2027 ganz sicher wieder mit einem Stand bei der Gamescom in Köln vertreten sein. Wir wollen erreichen, dass Millionen junger Menschen in Deutschland Betroffenen weitersagen können, wo es Hilfe für junge Obdachlose gibt.“
Erste Eindrücke aus dem Spiel: